Als Mercedes-Benz im Januar 1976 die neue Baureihe W123 präsentierte, war schnell klar, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Modellwechsel handelte. Der W123 trat in große Fußstapfen, denn der „Strich Acht“ hatte sich weltweit einen hervorragenden Ruf erarbeitet.
Der Mercedes-Benz der Baureihe 123 feiert 2026 seinen 50. Geburtstag. Wir feiern die Stern-Legende mit einem Dreiteiler.
Doch die Ingenieure in Stuttgart wollten mehr als nur einen würdigen Nachfolger bauen. Sie wollten ein Automobil schaffen, das den Zeitgeist überdauert – robust, sicher, komfortabel und zuverlässig wie kein anderes. Er musste vor allem der Erwartung der Kunden entsprechen, deren Anspruch an einen Mercedes-Benz durch Heckflosse und Strich-Acht geweckt worden war und ihr entsprechend geprägtes LeBENZgefühl sowie Qualitätsanspruch durch ihr Auto auch zum Ausdruck bringen wollten. Fünfzig Jahre später lässt sich sagen: Dieses Ziel wurde erreicht. Die Baureihe 123 wurde von Ende 1975 bis Anfang 1986 (Limousine ab Dezember 1975) produziert und zählt mit über 2,7 Millionen gebauten Exemplaren zu den erfolgreichsten Modellreihen in der Geschichte von Mercedes-Benz.
2,7 Millionen Modelle der Baureihe 123 entstanden zwischen 1975 - 1986
Die 1970er-Jahre waren von Unsicherheit geprägt. Wirtschaftliche Turbulenzen, steigende Energiepreise und gesellschaftliche Veränderungen stellten neue Anforderungen an das Automobil. Mercedes-Benz reagierte darauf mit einer Limousine, die bewusst auf modische Experimente verzichtete. Das Design des W123 wirkte vertraut und vielleicht eine Spur modischer als beim nüchternen Vorgänger. Die Linien, die hohe Gürtellinie und der selbstbewusste Kühlergrill vermittelten Solidität und Vertrauen. Den Einstieg in das Benz-Universum markierte der 200 bei der Markteinführung für 18.382 DM, der 200 D kostete rund 400 DM mehr und verlangte von seinem Fahrer obendrein unendlich mehr Geduld. Das Spitzenmodell 280 E schlug mit 26.895 DM zu Buche. Theoretisch, denn zu dem Preis hatte der Viertürer noch nicht einmal eine heizbare Heckscheibe, geschweige denn einen rechten Außenspiegel.
Breitbandscheinwerfer kennzeichnen die Spitzenmodelle mit Sechszylinder
Optisch setzte das Baureihenspitzenmodell der W123-Limousine deutlich von den Einstiegsvarianten ab. Am prägnantesten war die Gestaltung der Frontpartie: Während die Vierzylinder- und kleineren Dieselmodelle wie 200 oder 240 D bis zur Modellpflege im Jahr 1982 mit Rundscheinwerfern hinter einer gemeinsamen Glasabdeckung ausgerüstet waren – im Volksmund oft als „Ochsenaugen“ bezeichnet –, trugen die Sechszylindermodelle 280 und 280 E von Beginn an rechteckige Breitbandscheinwerfer. Diese verliehen dem Fahrzeug ein moderneres, repräsentativeres Erscheinungsbild und blieben lange ein exklusives Erkennungsmerkmal der stärkeren Varianten. Erst ab September 1982 wurde diese Rechteck-Optik auf die gesamte Baureihe ausgeweitet.
Ein weiteres äußeres Erkennungsmerkmal fand sich am Heck: Die 280er-Modelle verfügten über eine zweiflutige Abgasanlage mit zwei Endrohren, während die Vierzylinder und kleineren Diesel mit einem einzelnen Endrohr auskommen mussten. Damit zeigte der W123 auch im Detail, wie Mercedes-Benz Leistung, Status und Zurückhaltung in klassisch-eleganter Weise miteinander zu verbinden wusste.
Auch im Innenraum folgte die W123 Limousine dieser Philosophie. Alles hatte seinen Platz, nichts war überflüssig. Die Instrumente ließen sich auf einen Blick erfassen, die Sitze boten hervorragenden Langstreckenkomfort, und die verwendeten Materialien waren nicht auf kurzfristigen Glanz, sondern auf jahrelangen Einsatz ausgelegt. Viele Fahrzeuge sind bis heute mit ihrer originalen Innenausstattung unterwegs – ein Umstand, der in der modernen Autowelt kaum noch vorstellbar ist.
Besonders deutlich zeigte sich der Anspruch von Mercedes-Benz beim Thema Sicherheit. Die W123 Limousine profitierte von zahlreichen Entwicklungen aus der S-Klasse und setzte in der Mittelklasse neue Maßstäbe. Die stabile Fahrgastzelle, großzügig ausgelegte Knautschzonen und moderne Bremssysteme sorgten für ein Sicherheitsgefühl, das in dieser Fahrzeugklasse seinesgleichen suchte. Später hielt sogar das Antiblockiersystem Einzug – ein technischer Meilenstein, der den W123 endgültig in die Nähe der Oberklasse rückte. Mercedes-Benz hatte diese bereits ab 1973 und damit noch vor dem offiziellen Start des W123 im Jahr 1976 in allen Pkw-Modellen zum Standard gemacht und ab 1979 hatten alle 123er auch Sicherheitsgurte im Fond.
Die Triebwerk-Palette reichte von 55 - 185 PS, von unverwüstlich bis hochkultiviert
Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg war die enorme Vielfalt an Motorisierungen. Vom sparsamen Vierzylinder-Benziner bis zum laufruhigen Sechszylinder reichte das Angebot ebenso wie vom genügsamen Diesel bis zum legendären 300 D. Während das T-Modell (S123) in Europa den Turbodiesel erhielt, wurde die 300 D Turbo Limousine primär für den US-Markt produziert.
So manches Mercedes Taxi erreichte Laufleistungen von 600.000 km und mehr!
Gerade die Dieselvarianten begründeten den Mythos der Baureihe. Sie galten als nahezu unzerstörbar, erreichten Laufleistungen, von denen andere Hersteller nur träumen konnten, und machten den W123 zu einem weltweiten Symbol für Zuverlässigkeit. Nicht ohne Grund wurde er zum bevorzugten Fahrzeug von Taxifahrern, Vielfahrern und all jenen, die sich auf ihr Auto blind verlassen mussten. Griechische und nordafrikanische 123-Taxen mit unglaublichen Laufleistungen zwischen 600.000 und 1 Million Kilometer sind verbürgt.
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Fotostrecke | Baureihe 123 Trilogie: 50 Jahre Baureihe 123: Aller guten Dinge sind 1-2-3!
So entwickelte sich die W123 Limousine zu einem echten Allrounder. Sie war Arbeitsgerät und Repräsentationsfahrzeug zugleich, Familienauto und Dienstwagen, Taxi und Reisefahrzeug. Besonders im Stadtbild der 1980er-Jahre war sie allgegenwärtig. Wer damals in einen W123 einstieg, wusste: Dieses Auto bringt einen ans Ziel – egal wie weit der Weg ist. Gleichzeitig war der Besitz eines W123 immer auch ein stilles Statement. Kein Auto für laute Selbstdarstellung, sondern eines für Menschen, die auf Statements wie „Auf mich kannst du dich verlassen!“ großen Wert legten.
Der W123 mit Biss
Aber nicht nur bei der täglichen Hatz an den Arbeitsplatz war die Baureihe 123 eine gute Wahl. Auch bei der damals härtesten Rallye der Welt, der London - Sydney Rallye überzeugte der gute Stern vollauf, legte doch 1977 eine seriennahe 280 E-Limousine rund 30.000 km im Renntempo zurück. Mercedes erzielte einen Doppelsieg und brachte insgesamt vier Fahrzeuge unter die Top 10. Die Wagen verfügten über verstärkte Fahrwerke, erhöhte Bodenfreiheit (+35 mm) und modifizierte 2,8-Liter-Motoren mit ca. 205 PS.
1982 präsentierte Mercedes einen batterieelektrischen Forschungswagen auf Basis der Limousine. Diese war mit einer Nickel-Eisen-Batterie und einem 30 kW (ca. 41 PS) starken Elektromotor ausgestattet. Die Batterien waren im Kofferraum und im Motorraum untergeb Rainer Günzler testet den neuen Mercedes-Benz 300 D
ZDF-Auto-Test: Rainer Günzler testet den neuen Mercedes-Benz 300 D (1976)
Der enorme Erfolg der Baureihe spiegelte sich natürlich auch in den Produktionszahlen wider. Die Nachfrage überstieg zeitweise die Kapazitäten, Lieferzeiten von weit über einem Jahr waren keine Seltenheit. Bis zum Produktionsende im Januar 1986 – für die Limousine war schon Ende 1985 Schluss - wurden in rund zehn Jahren 2,7 Millionen Exemplare gebaut, die meisten davon – rund 2,4 Millionen - als Limousine. Der Diesel war mit 1,7 Millionen die beliebteste Variante, der Benziner verfehlte die Millionen-Grenze aber nur knapp. Der meistverkaufte W123 überhaupt ist mit knapp 450.000 Exemplaren der 240 D. Der erfolgreichste Benziner war der 230 E (mit Einspritzmotor), von dem ab 1980 rund 442.000 Fahrzeuge hergestellt wurden. Er gilt wie seine Diesel-Brüder als Inbegriff für Langlebigkeit und Zuverlässigkeit. Das prestigeträchtige Topmodell der Limousinen war der 280 E mit dem Sechszylinder-Einspritzer (M110). Optisch hob er sich durch zusätzliche Chromleisten unter den Rückleuchten und eine prominentere Stoßstange von den Vierzylindern ab. Doch Zahlen allein erklären nicht, warum die W123 bis heute einen so besonderen Platz im Herzen vieler Mercedes-Fans einnimmt.
Fünf Jahrzehnte nach ihrer Premiere ist die W123 Limousine mehr als nur ein Oldtimer. Sie ist ein rollendes Symbol für eine Epoche, in der ein Auto nicht ständig neu erfunden werden musste, sondern einfach funktionieren sollte – zuverlässig, sicher und langlebig. In einer Zeit, in der Fahrzeuge immer komplexer und kurzlebiger werden, wirkt der W123 wie ein Gegenentwurf. Er entschleunigt, vermittelt Ruhe und zeigt, was wahre Qualität ist.
Genau darin liegt seine anhaltende Faszination. Die W123 Limousine ist kein Relikt vergangener Tage, sondern ein lebendiges Stück Automobilgeschichte. Sie erinnert daran, wofür Mercedes-Benz über Jahrzehnte stand – und weshalb der Stern für viele Menschen mehr ist als nur ein Emblem. Seine weltweite Omnipräsenz als Taxi legte den Grundstein für den Slogan „Willkommen zu Hause“, der 1990 für den Nachfolger, die Baureihe 124, kreiert, zwischendurch für den W212 reanimiert wurde und jetzt als „Welcome home!“ fröhliche Auferstehung feiert.
Im zweiten Teil unseres Jubiläums-Dreiteilers richten wir den Blick auf eine besonders elegante Spielart dieser Baureihe. Das Coupé C123 zeigte, dass der W123 nicht nur rational überzeugen konnte, sondern mit Stil, Eleganz und einer ganz eigenen Ausstrahlung. Das LeBENZgefühl ließ jetzt auch deutlich mehr Emotionen zu.
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